Freitag, 5. Oktober 2012

Du

Du bist die harte, die umdornte Rute
Aus einem bitteren verfluchten Strauch;
Wo Du auch triffst, da triffst Du tief im Blute.

Du bist was schmerzt. Nichts auf der Welt schmerzt mehr,
Kein Schmerzendes ist ohne Dich. Bewegst
Du Deine Hand, schon überhäufst Du schwer
Mit Schmerz der Leidenschaft.


Du schlägst
Mit Widerhaken tausendfach verschlingend
Ins Fleisch Dich ein, daß, ob Du dort ob hier
Verweilst, es schmerzt. 


Doch dann zuletzt bist Du das gute Gleite
Ins Schlafende, das ohne Sprache ist
Wie ohne Traum. Das sich so tief vergißt,
Daß Namen schon es mit sich selbst entzweiten.

Von Wuchs und Trieb sind sie zurückgewandt
Zum Schweigenden. Und Du darfst nichts erwarten
Als Dieses nur: daß sie einmal, besehn

Von Deinem Blick, berührt von Deiner Hand,
So wie ein plötzlich übersonnter Garten,
Aufbrechen und in jäher Blüte stehn.


Maria Luise Weissmann
(1899-1929)


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